Facebook | Dinge, die die Welt braucht? - Twitter
Hallo liebe Julia Schweppe,
ich tue mal so, als hättest du eine unvoreingenommene Frage gestellt ("Wer braucht Twitter?") und nicht schon deine Wunschantwort in die Fragestellung eingebaut.Zunächst: bei neuen kulturtechnologischen Entwicklungen ist die Frage "Wer braucht das?" interessanterweise keine, die man stellen muss. Denn in aller Regel ist allein schon die Tatsache, dass man davon erfährt, ein Beweis, dass ausreichend viele Menschen diese Erfindung benutzen und auch noch darüber sprechen. Von den Dingen, die wirklich niemand braucht (auch die gibt es, keine Frage), erfährt man gar nicht erst. Sie interessieren keinen und werden deshalb auch nicht weitererzählt.
Twitter. Twitter ist der Vorbote des Real Time Webs, also Echtzeit-Netz, das in meinen Augen einen ähnlichen Impact haben wird wie das Social Web (und daran direkt angrenzt). Twitter gibt dir das Gefühl, live dabei zu sein bei dem, was im Netz passiert. Und da das Netz und die Kohlenstoffwelt immer stärker miteinander verschmelzen, hast du schnell das Gefühl (nur das Gefühl übrigens, stimmt in echt gar nicht, aber egal), überall auf der Welt, wo etwas passiert, einen privaten Sonderkorrespondenten zu haben. Einen Augenzeugen vor Ort.
Gleichzeitig ist Twitter eine Empfehlungsmaschine. Für alles. Die zehn interessantesten Links der letzten Wochen habe ich über Twitter bekommen, weil Twitter mir Interessantes präsentiert, ohne dass ich danach gesucht hätte. Dieses Prinzip, Serendipity genannt, ist einer der wichtigsten Treiber des Internet, nebenbei gesagt, und genau dafür ist Microblogging perfekt geeignet. Du stehst vor einem Strom aus tausenden Nachrichten, 90% sind egal, 9% sozial interessant und 1% sind für dich von wie auch immer gearteten inhaltlichem Wert.
Privat erfüllt Twitter das Bedürfnis nach Microkommunikation. Da ist es nicht anders als andere Kommunikation. Wenn du dich in deiner Frage lustig machst darüber, dass Menschen über versalzenes Essen sprechen - willkommen im Leben. Genau über soetwas reden Menschen den ganzen Tag. Manche sogar ausschließlich. Hör' dir mal an, was in den Haushalten gesprochen wird, in den Geschäften, auf der Strasse, in den Kneipen. Kurz: Kommunikation, die so wirkt, als sei sie irrelevanter Quatsch - ist allgegenwärtig. Auf Twitter wie in der Kohlenstoffwelt. Das ist also kein Kriterium, Twitter abzulehnen, sondern höchstens ein Kriterium, um Menschen abzulehnen. Es handelt sich bei dieser Quatschkommunikation vermutlich um eine Mischung aus sozialer Interaktion und gegenseitiger Bestätigung, aber das führt etwas vom Weg weg.
Schließlich möchte ich dir ans Herz legen, nicht nur mit Twitter, sondern mit allen möglichen Entwicklungen unvoreingenommener umzugehen. Selbst auszuprobieren, auch die Untiefen mitzunehmen, dich sachkundig zu machen, selbst nachzuforschen. Dann kann man es immer noch ablehnen, es gibt ja keine Twitterpflicht. Aber so verächtlich, wie du gerade von Twitter gesprochen hast, reden andere von Facebook, dritte vom Internet, vierte vom Fernsehen und noch ganz andere von der westlichen Zivilisation. Ein Ablehnungsmuster also, das fast unabhängig ist vom Inhalt. Und schon deshalb hinterfragt gehört. Man möchte sich ja nicht von Mustern leiten lassen im Leben, ausser man arbeitet in der Modeindustrie.